Friedensbotschafter

  

Um halb fünf war Hans von der Baustelle gekommen, hatte sich geduscht, und wir waren einkaufen gefahren. Die Zwillinge hatten ihre Schulaufgaben erledigt und spielten mit den Nachbarskindern vor dem Haus.

Als wir um Viertel vor sieben vom Einkaufen kamen, waren Peter und Anne schon da.
Anne hatte einen langen Tag mit Vorlesungen, einer Klausur und Studium im Seminarraum verbracht. Peter lag auf dem Boden und hatte die Beine auf dem Sofa hochgelegt. Als Auszubildender in einer Bank stand er fast den ganzen Tag am Schalter, weshalb seine Beine öfter schmerzten.
Gemeinsam waren die Vorbereitungen für das Abendessen schnell erledigt, so dass wir um 19.30 Uhr essen konnten.
Peter räumte den Tisch ab. Anne ließ in der Küche Wasser in das Spülbecken ein. Beim Abwasch unterhielten sie sich über ihre Tagesereignisse und -erlebnisse. Die Zwillinge Fritz und Franz führten ihr Zubettgehen-Programm aus und stritten sich natürlich lautstark über irgend etwas. Hans schenkte sich und mir einen Weinbrand ein und legte sich auf das Sofa. Ich bereitete das Wohnzimmer für einen gemütlichen Fernsehabend vor und hatte gerade die Programmzeitschrift aufgeschlagen, um nachzusehen, was für ein Programm angeboten wurde, als es an der Haustür klingelte.
Wir erwarteten keinen Besuch, und auch die Kinder hatten keinen Besuch von Freunden oder Bekannten angezeigt. Wenn unsere Freunde, Verwandte und Bekannte uns besuchten, so meldeten sie sich stets vorher an. Selbst die Nachbarn riefen vorher kurz an. Wir hatten uns deshalb schon für die Nacht umgezogen: Hans war im Pyjama und ich im Nachthemd.

Schnell warf ich mir den Morgenmantel um und ging zur Haustür. Ich schaute durch den Türspion. Ein feistes, blasses Gesicht stierte mich an.
„Wer ist da?“ fragte ich etwas mürrisch.

„Krieg! Mein Name ist Krieg“, säuselte eine hohe einschmeichelnde Stimme durch den Türschlitz.

„Was wollen Sie?“

„Ich möchte mit Ihnen und Ihrer Familie reden. Es ist dringend.“
Das „dringend“ klang metallisch und gefährlich.

„Ich kenne Sie nicht. Kennt jemand einen Herrn Krieg?“ rief ich ins Haus hinein.

„Nein!“ schallte es zurück.

„Wir kennen Sie nicht. Was gibt es denn Dringendes, was Sie uns erzählen könnten?“

„Ich weiß, dass wir uns nicht persönlich kennen. Es sind auch einige Jahrzehnte her, dass ich in dieser Gegend gewesen bin, jedoch habe ich stets aus der Ferne Kontakt gehalten. Aber Sie kennen mich bestimmt aus Film, Funk, Fernsehen und Zeitung.
Ich bin wie die meisten Berühmtheiten viel unterwegs und habe viele Wohnsitze. Und ziehe noch heute Nacht in ihre Nachbarschaft. Und wollte mich vorstellen. Denn Sie werden in den nächsten Jahren von meiner Anwesenheit bestimmt werden.“

„Hat das nicht Zeit bis morgen. Wir sind heute Abend nicht auf Besuch eingerichtet.“

„Nein, es duldet keinen Aufschub“, insistierte er. „Morgen und in den nächsten Jahren werde ich keine Zeit haben. Ich werde gleichzeitig an vielen Stellen dieses Landes sein müssen. Und ich muss mich auch um meine anderen Wohnsitze kümmern. Und ich muss mich auch um neue Wohnsitze kümmern. Denn manchmal werden einige einfach aufgelöst.
Gerade im Moment hat sich für mich eine Lücke ergeben, in der ich mich sammeln konnte. Und bevor ich ausbreche, wieder auseinander breche, wollte ich die Gelegenheit ergreifen und mich einmal vorher persönlich vorstellen.“
Ich sah auf seiner Stirn dicke Schweißtropfen quellen. Sein Gesicht schien feuchtglänzend. Seine fettumrahmten grauen Augen, der messerdünne Mund flehten, drückten Bedürftigkeit aus. Mitleid beschlich mich.

„Warum kommen Sie gerade zu uns?“ fragte ich trotzdem barsch. „Es gibt hier so viele andere.“

„In einem chaotischen System ist es der Zufall, der mich gerade vor Ihrem Haus, das die Normalität beherbergt, zusammenfügte.“

Ich verstand nicht, was er gesagt hatte. Übergangslos und unvermittelt öffnete ich die Tür. Ich weiß nicht, warum. Es war ein spontanes, intuitives Handeln.
Im nachhinein glaube ich, dass er mir wie ein Findelkind vor der Haustür vorkam. Ein vom Menschen gezeugtes und geborenes Kind, für das niemand Verantwortung übernehmen wollte, dessen Zeugung jeder bestritt, dessen Existenz man jedoch für eigene Zwecke ausbeutete.

Er war groß, massig, wohlgenährt. Im weichen Licht der Diele strahlte seine Haut zartrosa, wie die eines Säuglings. Sein Gesicht, umrahmt von langen, fließenden, blonden Haaren, seine kräftigen, elastischen Bewegungen beim Eintreten vermittelten Jugendlichkeit und Frische. Doch seine grauen Augen enthielten das äonenwährende Leiden des Menschengeschlechts.

„Legen Sie ab!"

Er trug einen bis auf den Boden reichenden Pelzmantel, obwohl es Hochsommer war. Ich nahm ihn ihm ab. Er wog schwer wie Blei. Unter dem Mantel kamen Tausende von goldenen und silbernen Orden, Spangen und Kreuzen zum Vorschein. Sie bedeckten ihn vom Hals bis zu seinen wadenhohen Stiefeln.

Wie ein Weihnachtsbaum glitzert es", dachte ich.

„Kommen Sie durch ins Wohnzimmer!

Hans, Peter, Anne, wir haben Besuch. Kinder, kommt ins Wohnzimmer!" sagte ich laut.

„Wir auch?" gellten die Zwillinge.

„Ja, bitte", kam Herr Krieg mir zuvor. „Ich möchte mich Ihnen allen vorstellen."

„Ja, ihr auch!" rief ich zum Kinderzimmer hin.

„Das sind mein Mann Hans, unsere Kinder Peter, Anne, Fritz und Franz. Und das ist Herr Krieg", stellte ich alle vor.

„Herr Krieg zieht in unsere Nachbarschaft und will sich uns vorstellen. Er meint, wir werden in den nächsten Jahren viel mit ihm zu tun haben, und deshalb sollten wir ihn kennen lernen."

„Richtig!" fügte Herr Krieg hinzu.

„Möchten Sie etwas trinken?" fragte Hans gewohnt gastfreundlich.

„Ein Glas Wasser, bitte! Es hält mich vielleicht etwas länger zusammen", sagte Herr Krieg rätselhaft.

Wir nahmen alle Platz. Fritz und Franz staunten dem blechernen, glitzernden Gehänge und seinem Träger mit großen Augen und offenen Mündern entgegen. Aber sie setzten sich, wider ihr sonstiges Verhalten, still auf die von ihm entferntesten Plätze.

„Die Ungewissheit drängt mich. Von einem Augenblick zum nächsten kann die Ruhe und der Frieden, die mich binden, gebrochen werden, so dass ich auseinander falle und ausbreche. Ich will deshalb eiligst mich erklären.

Meine Entstehung und meine Herkunft lasse ich aus. Zu tief hinein in eurer Vergangenheit, der Menschen Vergangenheit, liegen sie. Und viel zu viel hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.

Im Morgengrauen wird nicht der Hahn oder das Zwitschern der Vögel oder der Wecker Sie wecken. Es werden das Rattern von Maschinengewehren, der heulende und berstende Einschlag von Granaten und deren morgenerhellende Blitze sein, die Sie in den Tag hineinkatapultieren.

Die Sonne wird aufgehen, wie an jedem anderen Tag, aber nicht der Morgendunst wird ihn umschleiern, sondern der Rauch und die Flammen der brennenden Wohnhäuser, der Wälder und des Bodens.

Vor dem Haus werden nicht die morgendlichen Grüße erschallen. Im Haus wird nicht das morgendliche Geplärre der Kinder erklingen. Gellende, jaulende, lamentierende Rufe werden die Luft erfüllen.

"Sie", sprach er mich an, „werden nicht wählen müssen, ob Sie Wurst oder Käse auf die Pausenbrote legen, was Sie zum Mittag- und Abendessen bereiten. Es wird alles zerstückelt und zerfetzt am Boden, an den noch stehenden Wänden oder der herabgefallenen Decke kleben. Mit dem, was Sie abkratzen und ausgraben können, werden sie sich begnügen müssen. Und Sie werden lernen, in den kommenden Jahren, aus solchen Abfällen Kostbarkeiten zu machen.

Sie, Hans, werden sich nicht mehr ärgern müssen, dass die Kinder über den Rasen laufen, dass er nicht wächst, dass Peter den Rasen nicht gesprengt hat. Er wird gesprengt sein. Ihr Auto, dem Sie so viel Zeit widmen, um es zu erhalten, wird Ihre Zeit nicht mehr in Anspruch nehmen. Es wird in seine Teile zerlegt und verstreut sein. Unmöglich für Sie, es wieder zusammenzusetzen.

Fritz und Franz, ihr werdet nicht mehr widerwillig zur Schule gehen. Der Schuttplatz, der sie sein wird, wird euer neuer Spielplatz. Ihr werdet weiterhin lernen müssen, aber nicht das Einmaleins. Ihr werdet lernen, mit Pistolen, Gewehren und Granaten umzugehen. Und ihr werdet eine Strichliste führen über die von euch getöteten Feinde.

Peter, Ihre Füße werden nicht mehr wegen mangelnder Bewegung anschwellen. Sie werden durch Ruinen, durch Wälder und Einöden rennen. Sie werden über Bäche und Leichen springen. Ihre Beine werden nicht zur Ruhe kommen.

Im Seminarraum, Anne, wird es keine abgestandene, trägemachende Luft mehr geben. Die Granateneinschläge werden die Luftzirkulation regeln. Ihr Kopf wird sich nicht mehr mit den Theorien Freuds, Jungs oder Rogers auseinandersetzen. Sie werden über Kampfmoral, Feindbilder, ethnische Unterschiede und Selektion grübeln.

Wenn Sie morgen früh in die Welt geworfen werden, so werden Sie diese Welt nicht wieder erkennen. Die Formen werden die gleichen sein, aber meine Inhalte werden sie bestimmen. Sie werden sich neu zu allem, was um Sie herum ist, in Beziehung setzen müssen.

Ihre Kinder werden nicht mehr Ihre Kinder sein. Sie werden Söhne und Töchter einer ethnischen Gruppe, einer Religionsgemeinschaft, einer Ideologie sein. Sie werden sich gegen Sie wenden, sollten Sie anders sein. Ja, gerade diese Polarisierung ist meine Wesensart. Alles Andersartige ist der Feind. Mag er oder sie vorher Bruder oder Schwester, Vater oder Mutter, Freund oder Feind gewesen sein. Alle Verhältnisse richten sich neu aus.

Kinder werden ihre Eltern ausspionieren, verraten und ausliefern. Freunde werden sich gegenseitig töten. Feinde werden Schulter an Schulter den Andersdenkenden, Andersaussehenden, Andersgläubigen foltern, töten und ausweiden.

Familien werden aufgelöst werden für den größeren Zusammenschluss.

Frauen werden die Beute des Stärkeren sein. Sie werden benutzt und weggeworfen werden. Kinder werden nach ihrer Herkunft und Tauglichkeit für die Gruppe ausgelesen. Wer nicht ins Muster passt, wird vergast, verbrannt, verwertet. Die Genitalien der Männer werden als Trophäen an die Patronengurte gehängt werden.

Der Boden, aus dem Sie hervorgegangen sind, auf dem Sie standen, wird Ihnen entzogen werden. Entwurzelt werden Sie von mir, wie ein Blatt im Wind, hin und her geworfen werden.

Viele werden über die Grenzen hinausgetrieben werden, zu Orten, wo ich nicht bin. Doch auch dort werden sie anders als die Ansässigen sein. Da ich dort nicht bin, herrscht jedoch noch keine Polarisierung. Sie werden geduldet werden, Almosen erhalten und das schlechte Gewissen des satten Bauchs, der mich mit Gewehren, Bomben und Gasen unterstützt und erhält, beruhigen."

Er trank einen Schluck Wasser. Wir hatten ihm wortlos, erschrocken, ungläubig zugehört.

„Ein Irrer, ein Spinner. Bestimmt aus einer Irrenanstalt entlaufen. Einer von denen, die glauben, Napoleon oder Gott zu sein", dachte ich. „Aber er ist harmlos", sagte mir mein Gefühl.

In einem der psychologischen Bücher Annes hatte ich gelesen, dass man in solch einer Situation am besten auf die Spinnereien eingeht.

„Warum sollte gerade jetzt und hier der Frieden aufhören?" wählte ich meine Worte vorsichtig.

„Interessieren Sie sich für Politik?" fragte er zurück.

„Nein! Nicht besonders! Ein wenig!" waren unsere Antworten.

„Sie wissen also nichts über die Beziehungen Ihres Landes zu anderen Ländern, nichts über die vielfältigen Gruppen, und deren Intentionen innerhalb Ihres Landes. Sie haben Ihre Verantwortung an einen Vertreter abgegeben und wiegen sich in dem trügerischen Glauben, er werde in Ihrem Interesse und zu Ihrem Wohle handeln. Er werde sich für den Erhalt und die Schaffung von Frieden einsetzen, damit Sie sich in Ruhe um sich selber kümmern können.

Sie gaben einer Gruppierung Macht. Macht über Sie, über das Wohl und Wehe Ihres Dorfes, Ihres Landes und Ihres Staates. Und Sie ließen die Zügel aus der Hand. Und Sie setzten sich Scheuklappen auf.

Haben Sie mal nachgefragt, was mit dieser Macht bewirkt werden kann, bewirkt wird, außer Ihnen ein angenehmes Leben zu sichern?

In Ihrem Land haben sich Polarisierungen verfestigt, ausgebreitet und nun drängen sie, sich zu überschreiten."

Er trank noch einen Schluck Wasser. Abwesend betrachtete er das Glas.

„Ich spüre, wie ich zerrissen werde. Ich werde wieder aufgenommen; bald auch ausbrechen" sinnierte er mit melancholischen Augen.

„Herr Krieg!" sagte ich.

„Nennt mich Krieg!" unterbrach er mich. „Wir können uns ruhig schon duzen. Ich habe mich ja schon vorgestellt. Und ihr werdet mir in nächster Zeit sehr, sehr nahe sein."

„Krieg", ging ich auf ihn ein, „gibt es jemanden, den ich benachrichtigen soll, jemanden, der sich um dich sorgt, der sich um dich kümmert, jemanden der ...".

Sirenengeheul unterbrach mich.

Wo Krieg gesessen hatte, flirrte und knisterte die Luft.