Brosame

  

Der hartgeflochtene, strenge Zopf reichte bis zum Boden, auf dem er, schlangenartig in sich ringelnd, lag. An der rechten Schläfe hatte sich eine krause Strähne aus dem Bund gelöst, doch statt sich spielerisch in der Luft hin und her zu bewegen, hatte die schweißnasse Stirn sie eingefangen und an sich geklebt.
Das Gesicht unter dem Schopf kohlschwarzer, fettiger Haare war geprägt von einer scharfkantigen Nase, einem dünnlippigen Mund und zwei verglühten, dunkelbraunen Augen, die von kräftigen, zusammengewachsenen Augenbrauen beschattet waren.
Glänzend durch den Schweiß und die Widerspiegelung der kargen Feuerstelle, zeichnete sich das faltenreiche, von Mitessern besiedelte Antlitz einer verhärmten Frau ab.
Eine Altersbestimmung war umwelt- und kulturbedingt. Eine westeuropäische Sicht hätte sie jenseits ihres vierzigsten Lebensjahres gesehen. Sie jedoch stand in ihrem sechsundzwanzigsten Lebensjahr.

In der Mitte ihrer aus Lehm und Spreu gefertigten Hütte, auf dem festgestampften Lehmboden kniend, starrte sie ohne Bewusstsein in den weißglühenden Kuhdung, über dem ein Kessel hing. Ein undefinierbarer, aber wohlriechender, gelber Sud köchelte darin. Automatenhaft rührte sie ihn um.
Ihr aufgeschwollener Leib, der an ihrer dürren Gestalt wie ein Tautropfen an einem Zweig hing, lastete schwer auf ihren Oberschenkeln.
Die Reglosigkeit ihrer Gestalt verhüllte den Aufruhr ihrer Empfindungen und Gedanken, die auf- flammten, sich verbanden, sich wieder auflösten, neue Verbindungen knüpfend, sich selbst strukturierten und organisierten, ohne dass ihr Bewusstsein daran teilhatte.

Sie hatte dem kargen Boden Söhne geboren.
Vier Söhne, von denen zwei an ihrem ungestillten Durst und Hunger verstorben waren. Die anderen zwei waren in satten Jahren gekommen. Sie waren ihrem Mann, seiner Familie und auch ihr ein Pfand ihrer eigenen Zukunft.
Die Söhne waren dazu bestimmt, das dem Boden in Generationen Abgerungene zu erhalten und fortzuführen. Sie waren dazu bestimmt, einen Namen fortzutragen, die Existenz ihrer Ahnen zu manifestieren und ihnen Unsterblichkeit zu verleihen.
Söhne waren der Samen, aus dem der Mais, der Reis, die Orangen, der Kaffee, der Tee und die Blüten und die Blumen entstanden.
Söhne waren das weiche, saftige, grüne Gras, auf dem man sich im Alter niederließ. Sie waren die hochgewachsenen Bäume mit den vielen Trieben, die Schatten spendeten, wenn die hochstehende Sonne den ausgemergelten, erschöpften Körper auszudörren drohte.
Ihre Tochter, die erstgeborene Tochter, jetzt drei Jahre alt, war ihr die Hilfe, war ihr der Schäferhund, der sie unterstützte bei den alltäglichen Tätigkeiten, so wie sie es einst für ihre Mutter gewesen war. Sie war abgerichtet worden, Wasser zu holen, Kuhdung zu sammeln, Besorgungen und Botendienste zu erledigen, ihren Vater und ihre Brüder zu bedienen.
Ansonsten war sie die Bürde der Familie.
Sie war Boden, den man bewirtschaftete ohne einen Ertrag einzubringen. Ein Boden, in dem ein anderer seinen Samen einbringen würde, von dem ein anderer ernten würde.
Sie war die Brosame nach dem Mahl der Männer und nach dem Mahl der Mutter. Sie war ein Spekulationsobjekt.
Ihrer Tochter erging es ebenso, wie es ihr und ihrer Mutter und ihrer Großmutter ergangen war: Sie hatten gelernt, zu dienen und zu gehorchen. Sie hatten gelernt, weicher, nachgiebiger, aufnehmender und tragender Boden des Mannes zu werden.
Kaum dass ihre erste Blutung einsetzte, sie fruchtbar geworden war, wurde sie verheiratet. Ihre Familie entledigte sich der angehäuften, für sie nutzlosen Brosamen, des für sie brachen Bodens mit der Beigabe einer Kuh und einer Goldkette, die schon Beigabe ihrer Mutter und deren Mutter gewesen war.
Der Tauschhandel erschien beiden Seiten vielversprechend. Sie war gesund, stark, nicht verwachsen, belastbar und ihre Zähne waren noch alle vorhanden. Ihre Erscheinung versprach ihrem Mann und seiner Familie, ertragreicher Mutterboden zu sein. Ihre Familie erwirkte sich das Recht an dem erstgeborenen männlichen Sprössling , der, jung und kraftvoll, sie im Alter ernähren sollte.
Sie war fruchtbar. Jedes Jahr entsprang ihrem Schoß ein neuer Trieb, doch oft wurde er nicht geerntet, oder er verdorrte.
In einigen Stunden wird sie wieder ein Kind gebären. Das Kind, das sich noch in ihr barg, das lebte, wird sofort nach der Geburt sterben.
Es wird von ihr getötet werden.
Sie wird ihre Hand über die Nase und den Mund des Neugeborenen drücken, bis jedes Lebenszeichen aus ihm getilgt sein wird.
Was sie zu tun anging, war ihr nichts Neues. Schon mehrmals hatte sie diesen Ablauf vollzogen, und sie würde, wird ihn wieder vollziehen und vollenden, denn sie hatte noch nie eine andere Möglichkeit gefunden, und sie würde auch keine finden.
Das Kind musste sterben.
Bei der Ultraschalluntersuchung in einem dieser über das Land fahrenden, alle sechs Monate auftauchenden Krankenbusse der humanitären Hilfe, hatte ihr die Krankenschwester mitgeteilt, was das unter ihrem pochenden Herzen heranwachsende Wesen sei: „Es ist ein Mädchen.“